Mittwoch, 22. Januar 2014

Wirklich beeindruckend!



Es wird keine Helden geben von Anna Seidl
erschienen im Oetinger Verlag

 
Man kann die Angst riechen. Man kann nach ihr greifen. Er ist unter uns. Wir können sie hören, die Schüsse. Sie sind laut. Viel zu laut.
Ein völlig normaler Schultag. Doch kurz nach dem Pausenklingeln fällt der erste Schuss. Die fünfzehnjährige Miriam flüchtet mit ihrer besten Freundin auf das Jungenklo. Als sie sich aus ihrem Versteck herauswagt, findet sie ihren Freund Tobi schwer verletzt am Boden liegen. Doch für Tobi kommt jede Rettung zu spät, und Miriam verliert an diesem Tag nicht nur ihr bislang so unbeschwertes Leben… (Klappentext)

Wut – Zwiespalt – Angst – Trauer – Selbstschutz - Entsetzen
Schuld – Hass – Liebe – Erleichterung – Schmerz – Sinn des Lebens
Mobbing - Selbstmitleid – Egoismus – Verstehen – Verzeihen – Zuversicht
WARUM???

Das Cover dieses Buches ist relativ schlicht gehalten. Auf einem weißen Hintergrund ist der Titel in großen roten und schwarzen Buchstaben zu sehen. Die Buchstaben verleihen dem Buch einen etwas verspielten Ausdruck, nicht zuletzt durch die ausgemalten Bereiche. Es wirkt passend jugendlich und ist im Laden ein Hingucker. Anfangs gibt es von der Protagonistin eine kleine Einleitung, die schon neugierig auf den Rest macht.

Eigentlich ist dieser Tag im Januar wie jeder andere. Bis zur Pause. Miriam und ihre Freundin Joanne wollen nach draußen gehen – da hören sie plötzlich die ersten Schüsse. In wilder Panik laufen die Schüler durch die Gänge. Sie suchen einen Ausgang. Miriam und Joanne verstecken sich zusammen mit ihrem Mitschüler Philipp auf dem Jungenklo. Doch leider wird der Amokschütze durch ein Geräusch auf sie aufmerksam und schießt auch dort… Als er weiter geht, wagen sich die beiden Mädchen vor die Tür. Und da sieht Miriam nicht nur ihren Freund Tobi mitten auf dem Gang liegen, sie sieht auch in die Mündung der Waffe des Amokläufers…


Diese Rezension fällt mir sehr schwer und hat auch relativ lange gedauert. Die Story hat die verschiedensten Emotionen in mir hervor gerufen, die erst einmal sortiert werden mussten.
Anna Seidl hat ein wirklich beeindruckendes Buch verfasst, das wohl die wenigsten Leser kalt lassen wird. Ihr Schreibstil wirkt für ihr Alter sehr ausgereift und flüssig.
Mir gingen während des Lesens ständig Bilder zu bereits verübten Amokläufen durch den Kopf, die man im Fernsehen gesehen hat. Man kann nicht begreifen, was jemanden zu so einer Tat bewegt. Egal, was dem Schützen im Vorfeld passiert ist – er hat, meiner Meinung nach, kein Recht Unschuldige dafür leiden zu lassen.
In „Es wird keine Helden geben“ wird Miriams Leben nach dem Amoklauf sehr detailliert und eindringlich beschrieben. Die Tat selbst bekommt nur ungefähr 10 Seiten, was mir gut gefiel. Die Protagonistin durchläuft logischerweise verschiedene Emotionen, die ich nachvollziehbar fand. Manchmal kommt sie einem zwar sehr egoistisch vor, aber mal ganz im Ernst – wie viele von uns würden in so einer Situation völlig rational handeln und das Leben anderer über das eigene stellen? Ist man nicht auch in gewisser Weise „froh“, wenn nicht einem selbst das Schlechte widerfährt und es stattdessen jemand anderen trifft?
Ich fand es verständlich, dass Miriam auch in einer gewissen Portion Selbstmitleid badete. Sie hat eine Menge zu verarbeiten und ist überfordert. Ihre große Liebe ist plötzlich tot, ihre beste Freundin redet nicht mehr mit ihr, alles verändert sich. Ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die nächste. Die schöne Unbeschwertheit wird ihr und allen anderen genommen. Miriam versucht, einen Weg aus dieser Misere zu finden. Für sie ist es das Provozieren mit einer neuen Frisur oder auch die Zurückweisung derer, die ihr nur helfen wollen. Doch wie hilft man als Außenstehender? In der erlebten Situation steckt ausser dem Beteiligten keiner wirklich drin.
Auch die nächsten Schocks, die Miriam noch erleiden muss, sind sehr gefühlsbetont geschildert worden. Auch wenn ich keine Tränen vergossen habe, haben mich diese Situationen schon berührt und teilweise schockiert.
Nur kurz beleuchtet wird das wahrscheinliche Warum des Amokläufers. Dazu wird das Thema Mobbing aufgegriffen und was ein Gruppenzwang in manchen Menschen auslösen kann. Keiner von uns sollte immerwährend den Drang haben, perfekt sein zu wollen. Denn Perfektion erreicht man nicht durch Nachmachen oder dem anderen in allem Recht geben. Man muss sich trauen, eine eigene Meinung zu haben und auch dazu zu stehen. Es ist nicht einfach, und ich kann hier auch viel reden, denn ich schaffe das auch nicht immer. Leider. 

Der Titel „Es wird keine Helden geben“ hinterlässt bei mir die Feststellung: Manchmal kann es einfach keine Helden geben, es gibt nicht jederzeit einen Platz dafür, kein Happy End im klassischen Sinne. Aber ist man nicht auch wenigstens ein kleiner Held, wenn man es schafft aus einem Loch wieder heraus zu kommen und weiter lebt?
Es gibt viel Schlechtes und Schreckliches auf der Welt, das jeden von uns jederzeit treffen kann. Aber es gibt auch wahnsinnig viel Schönes, das es wert es, es zu genießen und festzuhalten so gut es geht. Wir wissen alle nicht, was morgen sein wird. Trotzdem dürfen wir keine Angst vor dem Leben und den Eventualitäten haben, die passieren können. Es gibt für jeden etwas, für das es sich zu leben lohnt!

Einige Auszüge, die mich bewegten:

Aber der Tod gehört zum Leben. Wir können ihm nicht entkommen. (Seite 62)

Es sind die Menschen selbst, die die Gewalt erzeugen. (Seite 63)

Am Ende machen sich diejenigen Vorwürfe, die immer versucht haben, gut und richtig zu handeln, und die, die gemein und egoistisch waren, leben bis zur letzten Sekunde glücklich. (Seite 137)

Anna Seidl hat in ihrem jungen Alter eine beeindruckende Story verfasst, die mich sehr nachdenklich stimmte. Durch ihren jugendlichen und damit sehr zur Geschichte passenden Schreibstil konnte sie mich vollkommen mitreissen. Innerhalb kürzester Zeit konnte ich das Buch gelesen ins Regal stellen. Doch es ist kein Buch, das man nach drei Tagen wieder vergessen hat! Die Autorin behandelt mit Amoklauf und Mobbing gleich zwei ernst zu nehmende Themen ohne dabei den Zeigefinger zu erheben. Ich empfand keine Feststellung oder Aussage zu übertrieben dargestellt. Einzig und allein ist das Weintrinken mit der Mutter sehr fragwürdig. Für mich als Mutter würde es nicht in Frage kommen.
Ich vergebe für „Es wird keine Helden geben“ 5 von 5 möglichen schwarzen Katzen.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich beim Oetinger Verlag und den Organisatoren der Leserunde bei Lovelybooks für die Bereitstellung dieses einmaligen Rezensionsexemplares bedanken!


256 Seiten · gebunden
13.4 x 20.3 cm
ab 14 Jahren
EUR 14,95 · EUA 15,40
ISBN-13: 978-3-7891-4746-3
EAN: 9783789147463
Erscheinungstermin: Januar 2014

© Cover und Zitatrechte liegen beim Verlag

Kommentare:

  1. Huhu :)
    Du wurdest von mir getaggt, würde mich freuen wenn du mitmachst.

    http://angysbuecherhimmel.blogspot.de/2014/01/ich-wurde-getaggt-der-200-leser-ta.html

    Lieben Gruß
    Angy

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    1. Hallo Angy!

      Da mache ich gerne mit, danke:) Ich mach mir mal ein paar Gedanken dazu und dann geht´s los!

      LG

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  2. Hach...wieder eine tolle Rezi zu diesem Buch...Steht jetzt gaaanz oben auf meiner Wuli ...

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    1. Hallo Marion!
      Ja, das lohnt sich aber auch sehr:) Man sieht es ja auch an der Rezi - so eine lange habe ich noch nie geschrieben und es hätte noch weiter gehen können...

      LG

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