Montag, 25. August 2014

Das Haus der verschwundenen Kinder von Claire Legrand



erschienen bei Heyne fliegt

Das Leben in der beschaulichen Kleinstadt Belleville ist genau so, wie die zwölfjährige Victoria es gern hat: übersichtlich, vorhersehbar und aufgeräumt. Und Victoria mit ihrem strengen Zopf, den ordentlichen Kleidern und den hervorragenden Noten passt perfekt nach Belleville. Eine einzige Unregelmäßigkeit erlaubt sie sich: den verträumten und vergesslichen Lawrence, der so ganz das Gegenteil von ihr ist. Lawrence ist ihr bester Freund. Als er plötzlich spurlos verschwindet, ist es allerdings vorbei mit Victorias geordnetem Alltag. Sie würde es nie zugeben, aber sie vermisst ihn furchtbar. Daher stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an. Was Victoria entdeckt, gefällt ihr gar nicht: Unter der glatten Oberfläche von Belleville verbirgt sich ein dunkles Geheimnis. Eines, das offenbar in der Erziehungsanstalt von Mrs. Cavendish seinen Ausgang nimmt. Die rebellischen Kinder, die dorthin geschickt werden, kommen ungewöhnlich still und brav zurück – oder gar nicht mehr. Steckt Mrs. Cavendish hinter Lawrences Verschwinden? (Klappentext)

Victoria: der perfekte Eiszapfen
Lawrence: der unordentliche Skunk

Das Cover dieses Buches ist einfach ganz toll. Es ist eine Zeichnung mit einem großen Eingangstor, in das der Titel, Autorenname und der Verlag integriert worden sind. Rechts und links davon sieht der Leser wahrscheinlich Victoria, Lawrence und den Hund von Mr Tibbalt. Käfer und Schaben sind auch mit von der Partie. Gerade diese Tierchen findet man ebenfalls auf dem hinteren Buch- und im Einbanddeckel vorne und hinten. Ich mag diese Viecher zwar nicht, finde die Idee aber klasse. Die Story ist in 21 unheimliche Kapitel und den Epilog gegliedert. Erzählt wird in der dritten Person.

Victoria lebt in dem Örtchen Belleville und liebt Ordnung, Sauberkeit und Übersicht. Eine Zwei im Zeugnis kommt einer Katastrophe gleich! Mit neun Jahren beschließt sie, die Freundin von Aussenseiter Lawrence zu werden. Lawrence ist anders. Schon in diesem jungen Alter bekommt er graue Haare. Zwar nur eine einzelne dicke Strähne, aber genug, um deshalb ausgegrenzt und geärgert zu werden. So nimmt sich Victoria seiner an und versucht, ihm ihre Werte zu vermitteln. Im Oktober des Jahres, in dem beide Kinder 12 Jahre alt sind, verschwindet Lawrence von einem Tag auf den anderen spurlos. Die Hausangestellte Beatrice und der ältere Nachbar Mr Tibbalt scheinen etwas zu wissen, rücken aber nicht richtig mit der Sprache heraus. Ansonsten hat keiner etwas gesehen, keiner kümmert sich. Bis auf Victoria. Sie stellt Nachforschungen an und sieht dabei einmal über ihren Tellerrand hinaus…


Dieses Buch fand ich wirklich richtig gut. Die Altersempfehlung ist zwar sehr jung angesetzt, so dass ich erst meine Bedenken als Ü30 hatte. Doch die wurden schon nach wenigen Seiten aus dem Weg geräumt.
Victoria ist ein recht merkwürdiges Mädchen und wirkt wesentlich älter als 12 Jahre, eher wie eine kleine Erwachsene. Sie strebt Perfektionismus an, mag es nur sauber und ordentlich. Dadurch wirkt sie stellenweise sehr herablassend anderen gegenüber. Auch wie sie Lawrence herumkommandiert, ist nicht wirklich der gute Ton. Ihre Eltern sind nicht anders. Sie wirkten ausserordentlich kühl und distanziert ihrer Tochter gegenüber. Einfach sehr oberflächlich. Als Victoria eines Tages ihren Eltern eine Nachricht hinterlässt, unterschreibt sie diese „Mit freundlichen Grüßen“. Eher etwas altertümlich und nicht mehr zeitgemäß. Doch Victoria macht durch das Verschwinden von Lawrence eine Verwandlung durch, die ihr nur gut tut. Auch wenn sie auf ihrem beschwerlichen Weg von Käfern und Schaben geradezu belagert wird…
Lawrence ist mehr der etwas schusselige, unordentliche Junge, der aber zum Träumen schön Klavierspielen kann. Da kann schon einmal ein Hemdzipfel aus der Hose gucken, seine Fingerfertigkeit aber ist bewundernswert. Als er verschwand, war das Verhalten seiner Eltern doch recht merkwürdig. Als wenn es sie gar nicht weiter interessieren würde…
Ganz markant an diesem Buch sind die Käfer und Schaben, die sich zuhauf nicht nur auf dem Buchdeckel tummeln. Auch auf einzelnen Buchseiten trifft man auf die kleinen Ungetüme, die ich doch regelrecht verabscheue. Oftmals hatte ich das Gefühl, dass es nicht nur eine Zeichnung ist, und bei mir breitete sich ein Jucken und Kribbeln am Körper aus…
Sehr individuell gestaltet sind auch die 10 Illustrationen von Sarah Watts, die sie ganz in schwarz-weiß gehalten hat. Dies gibt dem Buch noch eine ganz aussergewöhnliche Note und verwandelt es tatsächlich von einem Kinder-/Jugendbuch in etwas Besonderes für Erwachsene. All dies verleiht dem Buch noch eine ganz besondere Atmosphäre, bei der man als Leser selbst das Frösteln nicht unterdrücken kann. Zudem kommt noch stellenweise die Erwähnung von unerklärlicher Kälte, was diese Story zu einer wahrhaften gruseligen Angelegenheit macht.
Die erschaffene Atmosphäre, Gestaltung des unheimlichen Waisenhauses und auch die Charaktere wirkten auf mich wie aus einer längst vergangenen Zeit. Wäre es ein Film, könnte ich mir diesen gut in schwarz-weiß vorstellen. Alles wirkt wie aus den Jahren 1920 bis 1960.

Claire Legrand konnte mich mit ihrem Debütroman „Das Haus der verschwundenen Kinder“ in eine eigenartige Zeit entführen und bereitete mir gruselige Lesestunden. Ihr Schreibstil liest sich sehr gut und flüssig dahin, die angebrachten Beschreibungen hatten für mich genau das richtige Maß – nicht zuviel, aber auch nicht zu wenig. Ihre Protagonistin Victoria wirkt in ihren Handlungen anfangs zwar nicht wie ein 12jähriges Mädchen, doch es passt zu der Atmosphäre im Buch. Zu einem späteren Zeitpunkt reagiert und agiert sie dann aber altersentsprechend. Diese Geschichte ist zwar für ein junges Publikum angelegt, übt aber ebenfalls auf Erwachsene eine ungeheure Faszination aus. Allerdings hätte ich mir am Ende mehr Aufklärung gewünscht, so sind nämlich doch noch einige Fragen für mich offen geblieben. Somit bekommt dieses Buch der besonderen Art sehr gute 4 von 5 möglichen schwarzen Katzen.


Claire Legrand war Musikerin, bevor sie entdeckte, dass ihr das Schreiben noch mehr Spaß macht. DAS HAUS DER VERSCHWUNDENEN KINDER ist ihr Debütroman, der mit dem Preis der New York Public Library als bestes Jugendbuch 2012 ausgezeichnet wurde. Die Autorin lebt und arbeitet in New Jersey.
http://builderofworlds.wordpress.com/

ab 12 Jahren
320 Seiten
ISBN 978-3-453-26778-7
Preis: 14,99 Euro

© ©over und Zitatrechte liegen beim Verlag

An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an den Verlag für die Bereitstellung dieses aussergewöhnlichen Exemplars!

Kommentare:

  1. Ein wirklich schöne, anschauliche Rezi!
    Das Buch hab ich jetzt schon öfters gesehen und jetzt landet es auf der Wunschliste ♥
    Das Cover gefällt mir auch gut und wie du die Käfer und die Atmosphäre beschreibst ... ich bin gespannt :)

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Dankeschön, meine Liebe:) Ich war wirklich sehr positiv überrascht und kann mir richtig vorstellen, dass es auf jeden Fall etwas für dich ist!

      LG

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  2. Tolle Rezension. Das Buch landet auf meiner Wunschliste.

    LG, Gisela

    Besuch mich doch mal auf meinem Blog, wenn du Lust hast.

    http://lese-himmel.blogspot.de/

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    1. Danke, Gisela, freut mich:) Ich schau auf jeden Fall bei dir vorbei!

      LG

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  3. Hi Claudia

    Dieses Buch habe ich auch schon eine Weile auf dem Radar - ich muss zugeben, das tolle Cover ist daran Schuld ;-)
    Darum habe ich jetzt erst einmal deinen letzten Abschnitt gelesen und der tönt wirklich vielversprechend.

    lg Favola

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    1. Hey, Favola!
      Ja, das Cover fiel mir auch als erstes ins Auge. Aber auch der Inhalt ist echt toll, für mich wirklich ein aussergewöhnliches Buch, das ich nur empfehlen kann!

      LG

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  4. Tolle Rezi und das Buch klingt toll ♥
    Liebe Grüße vom Kommentiermarathon,
    Sanny von Bücherpfoten

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  5. Das Buch klingt wirklich klasse :) Klingt einbisschen nach Charlie Bones. Bei dem Cover hat jemand echt gute Arbeit geleistet.

    Liebe Grüße,
    Franzi :)

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    1. Bei dem Cover kann ich dir nur zustimmen, Franzi! Charlie Bones sagt mir nun gar nichts, aber dieses Buch hier kann ich nur empfehlen:)

      LG

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  6. Wirklich schönes Cover und interessante Story zwischen den Buchklappen. Kommt ab sofort auf meine Wunschliste (Hoffentlich liest mein Mann das hier nicht, der stöhn jetzt schon bei der kilometerlangen Liste) :D

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    1. Ach, das kenn ich nur zu gut... Aber Männer müssen ja nicht alles wissen;)

      Viel Spaß mit dem Buch!

      LG

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